Archive for the ‘The Fog Of War’ Category

Guantanamos Früchte
Januar 12, 2009

Washington (ag.). Es sollte eine der ersten Amtshandlungen des künftigen US-Präsidenten Barack Obama sein: Die Schließung des umstrittenen Gefangenenlagers Guantánamo auf Kuba. Wenige Tage vor seinem Amtsantritt am 20. Jänner hat Obama nun aber eingeräumt, er könne das Lager nicht wie versprochen innerhalb seiner ersten hundert Tage im Amt schließen. „Es ist schwieriger, als viele sich vorstellen können“, sagte er am Sonntag dem US-Sender ABC. (Quelle)

Man muss kein Experte sein um nachvollziehen zu können, dass dies wohl schwierig ist. Um die 250 Personen sind derzeit noch mit dem Status des ungesetzlichen Kombattanten dort festgesetzt.

Ungesetzlicher Kombattant (unlawful combatant, illegal combatant) ist ein Begriff, der von mehreren Staaten verwendet wird, um eine Person zu bezeichnen, die an einem kriegerischen Konflikt beteiligt ist und zusätzlich gegen das Kriegsrecht verstößt. Wesentliches Merkmal ist also nicht die Beteiligung am Konflikt, sondern der Kriegsregelverstoß. Solche Personen seien demnach nicht legale Kombattanten und erhalten deshalb unter Umständen nicht den Status eines Kriegsgefangenen.

Die Festgehaltenen sind nun seit Ende 2001, Anfang 2002 dort. Mit der täglichen „Spezialbehandlung“, welche von dem derzeitigen US-Präsidenten abgesegnet worden war.

Dass man diese Menschen nicht einfach frei herumlaufen lassen kann ist klar. Es ist nämlich nicht absolut unwahrscheinlich, dass diese Menschen eine gewisse Antipathie gegenüber den USA entwickelt haben. Und wenn ich jetzt USA wäre würde ich die Schließung von Camp Delta und die damit verbundene Freilassung auch so lang wie möglich nach hinten schieben.

Bleibt also die Frage, was man mit diesen Menschen anstellt. Einbürgern und entschädigen? Eine Variante, vielleicht. Zurück in ihre Herkunftsländer schicken und damit die Möglichkeit in Kauf nehmen, dass sie zu Helden hochgejubelt werden? Schwierig. CIA-mäßig verschwinden lassen klappt auch nicht, dazu ist die ganze Angelegenheit wohl doch schon zu publik.

Ich bin gespannt wie die Lösung aussehen wird.

Robert McNamara
Oktober 3, 2008

– the fog of war (2003) –

Dieser Film spiegelt Teile von Robert McNamaras Leben wieder, und dies, indem er sich einem Interview stellt.

Ein 95minütiges Interview, beginnend um und bei seiner Rolle im 2. Weltkrieg über die Kuba-Krise bis hin zum Vietnamkrieg. Die ersten zwei Drittel des Filmes sind wirklich aufschlussreich, auf die ein oder andere Art. Der Film ist grob gegliedert in 11 Weisheiten, und beginnt mit der Warnung an die heutige Weltbevölkerung, dass ein Atomkrieg nach wie vor möglich ist. Die Ausführungen dazu in dem Film sind zum einen schwierig zu wiederlegen, zum anderen kann man auch einem 85jährigen mit diesem politischen Hintergrund ein wenig Glauben schenken.

mcnamara

Dieser Film ist mit 8,3/10 Punkten in der Internet Movie Database wirklich gut weg gekommen. Sehenswert sind Filme dort ab 7/10 oder höher. Eine recht demokratische Angelegenheit, da die Nutzer bewerten.

Die ersten zwei Drittel sind interessant. Aber dann verfällt dieser Herr wieder in die Rolle, für die er – so sagt er selber – von vielen als ’son of a bitch‘ bezeichnet wurde. Zu recht, wie ich finde. Also nicht das „Zurückverfallen“, vielmehr die Bezeichnung.

Obgleich er, bezug nehmend auf sein Treffen mit dem ehemaligen Außenminister von Vietnam, Nguyen Co Thach, im Jahre 1995, klar stellt, dass die USA und Vietnam zwei vollkommen unterschiedliche Ziele in diesem Krieg verfolgt hatten, und dass er, McNamara, in seiner Zeit als Verteidigungsminister ganz offensichtlich falsch gelegen hatte, so bleibt dieser alte Herr am Ende dieses Films viele Antworten schuldig.

mcnamara02

Was ist zu Kriegszeiten moralisch angemessen? Ich werde es Ihnen illustrieren. Als ich Minister war wurde in Vietnam das so genannte „Agent Orange“ eingesetzt. Eine Chemikalie, die Bäume von den Blättern befreit. Nach Kriegsende hieß es, es sei eine giftige Chemikalie, die vielen Menschen das Leben kostete… Soldaten wie Zivilisten, die ihr ausgesetzt waren. Waren diejenigen, die Agent Orange genehmigten, Kriminelle? Begingen sie ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Sehen wir uns das Gesetz an…

mcnamara03

Gibt es ein Gesetz, das regelt, dass manche Chemikalien im Krieg erlaubt sind und manche nicht? Solche klaren Definitionen gibt es nicht. Nie im Leben hätte ich einem illegalen Vorgehen zugestimmt.

Ich weiß nicht mehr, ob ich Agent Orange genehmigt habe.

Aber mit Sicherheit wurde es während meiner Zeit als Minister eingesetzt.

„Ich weiß nicht mehr?“ Nunja… Der Knabe ist alt. Und vielleicht verschließt er lieber die Augen, als sich einer plausiblen Kausalkette zwischen dem Einsatz von Agent Orange und den heutigen Opfern, in der dritten Generation, zu stellen. Alzheimer ist wohl auszuschliessen, funktioniert seine Rübe doch in anderen Teilen des Films ausgezeichnet, mit wörtlichen Zitaten…

Wie erwähnt enthält der Film 11 Weißheiten, bzw. Unterrichtseinheiten, von dem weisen McNamara.

mcnamara04

Der Film enthält aber auch beeindruckende Bilder. Präsident Lyndon B. Johnson & Robert McNamara in Aktion.

mcnamara05

mcnamara06

mcnamara07

Gut gefallen haben mir seine Ausführungen zum generellen politischen Catwalk:

1. Sag niemals nie.

2. Man beantwortet nie die Frage, die einem gestellt wird. Man beantwortet die Frage, die man sich gewünscht hat.

Dies scheinen sich heutzutage Politiker in Europa leider sehr zu Herzen zu nehmen…

Aber zurück zum Thema. Verdient dieser alte Herr wirklich Schelte? Er gesteht Fehler ein. Ja, dies ist auf Band. Früh im Film führt er an, dass (auch seine) Entscheidungen Menschenleben kosteten, und am Ende entschuldigt er sich in der Form für Fehler, wie sich wohlerzogene Menschen entschuldigen, wenn sie beispielsweise zu spät zu einer Verabredung kommen.

mcnamara08

Ich bin sehr stolz auf dass, was ich erreicht habe. Und es tut mir leid, dass ich dabei Fehler gemacht habe.

Im Epilog, nach mehr oder minder gelungenen 11 Lektionen des McNamara, wird der aufmerksame Zuschauer wieder hellhörig. Der Interviewer fragt ihn dann:

Nachdem Sie aus der Regierung Johnson ausschieden – warum haben Sie sich nicht gegen den Vietnamkrieg ausgesprochen?

Ich werde nicht mehr sagen, als ich bereits sagte. Solche Fragen sind es, die mir Ärger einbringen. Sie wissen nicht, wie aufrührerisch meine Worte wirken können. Viele Menschen missverstehen den Krieg… missverstehen mich. Viele Menschen halten mich für einen Schweinehund.

Fühlen Sie sich auf irgendeine Art verantwortlich für den Krieg? Fühlen Sie sich schuldig?

Ich möchte dazu nichts weiter sagen. Dann kommt es nur zu weiteren Kontroversen. Ich möchte Vietnam nichts hinzufügen. Es ist so komplex, dass alles, was ich sagen würde, zu weiteren Diskussionen führen würde.

mcnamara09

Ist es das Gefühl, dass Sie verurteilt werden, egal, was Sie sagen?

Ja, genau das. Und darum möchte ich nichts hinzufügen.

Dieser Film ist sehenswert, aber man möge kritisch bleiben. Man möge sich am Ende fragen, ob der alte Herr wirklich Rede und Antwort stand, oder ob er im passenden Moment einen Rückzieher macht.

Und auch wenn er im so genannten Kalten Krieg Verteidigungsminister der USA war, und wie ergreifend er die Kuba-Krise schildert, vor allem als Warnung an kommende Generationen, und auch wenn er sich aktiv für die atomare Abrüstung einsetzt – wenn man ihm die Pistole auf die Brust setzt, kneift er. Traurig… Heißt es doch eigentlich, dass mit dem Alter die Weisheit steigt.

Diese Haltung ist aber kein amerikanisches Problem. Auch in Deutschland gibt es Menschen in der Altersklasse von McNamara, die felsenfest und überzeugend sagen:

„Wir haben das alles nicht gewusst.“